Viktor sagte es so beiläufig, als würde er vorschlagen, gemeinsam zu Abend zu essen.
Katja stand am Küchentisch und stellte langsam ihre Tasse auf die Tischplatte.

Das Porzellan klirrte leise auf dem Holz.
— Warte.
Meinst du das ernst?
— Absolut.
Dort ist ein Zimmer frei, und meiner Mutter wird es auch weniger langweilig sein.
Zwei Monate vergehen wie im Flug, du wirst es kaum merken.
Katja sah ihren Mann an.
Er stand am Türrahmen, die Hände in den Taschen, die Schultern entspannt.
Keine Spur von Zweifel in seinem Gesicht.
— Und was sind das für Angelegenheiten, um die du dich kümmern musst?
— Berufliche.
Komplizierte.
Ich muss mich konzentrieren, verstehst du?
— Nein.
Ich verstehe es nicht.
Viktor verzog das Gesicht.
Offensichtlich hatte er eine andere Reaktion erwartet — vielleicht Tränen, vielleicht ein gehorsames Nicken.
Katja dagegen sprach ruhig und gleichmäßig, ohne jede Dramatik.
— Hör zu, das ist nur vorübergehend.
Ich setze dich ja nicht auf die Straße.
— Du wirfst mich aus meinem eigenen Zuhause und schickst mich zu deiner Mutter.
— Ich werfe dich nicht raus!
Das ist… eine Neuverteilung des Wohnraums.
Katja lächelte spöttisch.
Neuverteilung.
Was für ein schönes Wort für so eine hässliche Idee.
— Viktor, wir sind seit vier Jahren verheiratet.
In diesen vier Jahren habe ich kein einziges Mal bei deiner Mutter gewohnt.
Und ich habe nicht vor, jetzt damit anzufangen.
— Warum gehst du sofort auf Konfrontation?
Ich erkläre dir doch, dass es nur vorübergehend ist!
— Und warum muss ausgerechnet ich ausziehen?
Wenn du dich konzentrieren musst, nimm dir ein Hotelzimmer.
Oder wohne selbst eine Weile bei deiner Mutter.
Viktor schnaubte.
Dieses Geräusch sagte Katja mehr als alle Worte.
Er hatte diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen.
— Das sind völlig unterschiedliche Situationen.
— Inwiefern?
— Na ja… du bist eine Frau.
Frauen können sich leichter anpassen.
Und meine Mutter braucht Hilfe, sie ist dort allein.
Katja spürte, wie etwas Heißes in ihr zu kochen begann.
Aber sie hielt ihre Stimme ruhig.
Noch.
— Deine Mutter lebt nicht allein.
Alina wohnt mit ihrer Tochter ganz in der Nähe.
— Alina ist beschäftigt.
Sie hat Sonja zu versorgen, das weißt du doch.
— Sonja ist fünf Jahre alt.
Sie geht in den Kindergarten.
Viktor schwieg einen Moment.
Dann winkte er ab.
— Du hängst dich an Kleinigkeiten auf.
Das Wichtigste ist, dass ich Zeit brauche.
Und diese Lösung ist optimal.
— Optimal für wen, Viktor?
Viktors Telefon klingelte.
Er warf einen Blick auf den Bildschirm und ging schnell in den Flur.
Katja hörte Gesprächsfetzen:
— Ja, ich rede mit ihr… Sie stellt sich quer… Nein, ich kriege das hin…
Sie bewegte sich nicht von der Stelle.
Sie stand einfach da und dachte nach.
Vier Jahre.
Eintausendvierhundertsechzig Tage an der Seite eines Menschen, der gerade ihr Leben plante, ohne sie daran zu beteiligen.
Viktor kam mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes zurück, der alles unter Kontrolle hatte.
— Das war Alina.
Sie findet übrigens auch, dass die Idee gut ist.
— Alina?
Interessant.
Und warum weiß Alina überhaupt davon?
— Weil ich mich mit ihr beraten habe.
Sie ist klug und praktisch.
— Du hast dich mit deiner Schwester darüber beraten, wohin du deine eigene Frau schicken sollst.
Aber mit mir nicht.
— Ich berate mich doch gerade mit dir!
— Nein, Viktor.
Du teilst mir deine Entscheidung mit.
Das ist etwas anderes.
Er atmete gereizt aus.
— Katja, hör auf, alles kompliziert zu machen.
Was ist denn schon dabei?
Du wohnst dort eine Weile, hilfst meiner Mutter im Haushalt und passt manchmal auf Sonja auf.
Alina hat selbst darum gebeten — sie braucht eine Pause.
Da war es.
Katja spürte beinahe körperlich, wie die Puzzleteile an ihren Platz fielen.
Keine beruflichen Angelegenheiten.
Keine Sorge um seine Mutter.
Eine kostenlose Haushaltshilfe für seine Schwester und ein Kindermädchen für seine Nichte.
— Das heißt also, ich soll bei deiner Mutter wohnen und auf das Kind deiner Schwester aufpassen.
Verstehe ich das richtig?
— Nicht ständig!
Nur manchmal!
Was ist denn daran so schlimm?
— Alles, Viktor.
Daran ist alles schlimm.
— Du bist egoistisch.
Katja hob langsam eine Augenbraue.
— Wiederhol das?
— Egoistisch.
Du denkst nur an dich selbst.
Alina hat es schwer, meiner Mutter geht es gesundheitlich nicht besonders gut, und du stellst dich wegen irgendwelcher Prinzipien quer.
— Mein Leben sind nicht „irgendwelche Prinzipien“.
— Zwei Monate, Katja!
Nur zwei!
Sie schwieg.
Sie sah ihn an und schwieg.
Viktor deutete das als Zeichen dafür, dass sie nachgab.
— Siehst du?
Du verstehst doch selbst, dass ich recht habe.
Dort gibt es auch gutes Internet, und wenn du etwas für die Arbeit erledigen musst, kannst du dort alles machen.
Es macht überhaupt keinen Unterschied.
— Der Unterschied ist riesig.
Ich bin mit dir verheiratet, nicht mit deiner Familie.
— Meine Familie ist auch deine Familie!
— Warum entscheidet deine Familie dann hinter meinem Rücken über mein Leben?
Viktor öffnete den Mund, aber in diesem Moment klingelte es an der Tür.
Mit sichtlicher Erleichterung eilte er hin, um zu öffnen.
*
Alina stand vor der Tür.
Hinter ihr stand ihre Freundin Marina, die Katja höchstens zweimal gesehen hatte.
Beide kamen herein, als wären sie erwartet worden.
— Hallo!
Alina gab ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange.
— Na, habt ihr euch geeinigt?
— Noch nicht.
— Warum?
Alina wandte sich Katja zu.
Ihr Blick war seltsam — eine Mischung aus Ungeduld und gespieltem Mitgefühl.
— Katja, im Ernst, das ist doch eine großartige Lösung.
Ich brauche wirklich Hilfe.
Sonja hat mich so ausgelaugt, dass ich schon die Wände hochgehen könnte.
Marina nickte.
— Ich sage Alina ständig, dass sie eine Pause braucht.
Eine richtige.
Irgendwohin fahren, sich erholen.
— Und wohin wollt ihr fahren, um euch zu erholen? — fragte Katja.
Alina und Marina sahen sich an.
Eine Sekunde lang zögerten sie.
— Na ja… wir haben uns noch nicht entschieden.
Vielleicht ans Meer.
Oder nach Sankt Petersburg.
— Für einen Monat?
— Vielleicht für zwei Wochen.
Oder einen Monat.
Kommt auf die Situation an.
Katja nickte langsam.
Das Bild wurde noch klarer.
Die Schwester wollte Urlaub vom Muttersein.
Die Freundin würde sie begleiten.
Und Katja sollte auf unbestimmte Zeit die kostenlose Hilfe spielen.
— Also fahrt ihr in den Urlaub, und ich passe auf dein Kind auf.
— Nicht nur du!
Oma auch!
— Deine Mutter ist Sonjas Großmutter.
Sonja ist ihre Enkelin.
Und wer bin ich?
Viktor mischte sich in das Gespräch ein.
— Du gehörst zur Familie.
Du musst helfen.
— Muss?
Wem bin ich etwas schuldig?
Und wofür?
Marina schnaubte.
— Du bist aber prinzipientreu.
Es ist doch ein Kind, kein Fremder.
Katja sah sie lange an.
— Marina, was hast du eigentlich mit dieser Sache zu tun?
— Ich bin Alinas Freundin.
Ich unterstütze sie.
— Dann unterstütz sie anders.
Pass selbst auf Sonja auf.
Marina verzog das Gesicht.
— Ich habe mein eigenes Leben.
— Ich auch.
Alina warf die Hände hoch.
— Katja, warum benimmst du dich wie eine Fremde?
Viktor ist doch mein Bruder!
Wir müssen einander helfen!
— Viktor ist dein Bruder.
Ich nicht.
Und Hilfe ist freiwillig.
Keine Verpflichtung.
Viktor nahm Katja am Ellbogen und führte sie etwas zur Seite.
— Hör zu.
Ich verstehe, dass das unerwartet kommt.
Aber versuch es doch wenigstens.
Einen Monat.
Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück.
Katja sah ihm in die Augen.
Dort waren weder Liebe noch Fürsorge.
Nur Ärger darüber, dass der Plan ins Stocken geraten war.
— Viktor.
Ich gebe dir eine einzige Chance.
Sag deiner Schwester und ihrer Freundin, dass du dich verrannt hast.
Dass ich nirgendwohin fahre.
Und dass du selbst die Frage klärst, wie deiner Mutter geholfen wird — falls sie überhaupt Hilfe braucht.
— Was?
Nein!
Ich habe schon alles versprochen!
— Wem hast du es versprochen?
— Alina!
Und meiner Mutter!
— Und was hast du mir versprochen?
Vor vier Jahren im Standesamt?
Viktor zuckte mit der Schulter.
— Das ist ein anderes Thema.
— Nein.
Es ist dasselbe Thema.
Letzte Chance, Viktor.
Jetzt.
Er schwieg einen Moment.
Dann wandte er sich an seine Schwester.
— Alina, warte ein bisschen.
Wir besprechen das noch.
Alina verdrehte die Augen.
— Viktor, wie lange soll das noch dauern?
Du hast es versprochen!
— Ich weiß.
Es ist nur…
— Kein „nur“!
Marina und ich haben uns schon Tickets angesehen!
Ich hatte seit zwei Jahren keinen Urlaub!
Katja hatte genug gehört.
Sie ging zum Fenster und holte ihr Telefon heraus.
Ihre Finger tippten schnell eine Nummer ein.
*
Zwanzig Minuten später öffnete sich die Tür.
Im Türrahmen stand Denis — Viktors älterer Bruder.
Katja hatte ihn angerufen, sobald ihr klar geworden war, dass Viktor seine Entscheidung nicht ändern würde.
— Denis? — Viktor wurde blass.
— Was machst du hier?
— Katja hat angerufen.
Sie sagte, ihr hättet hier einen Familienrat ohne mich einberufen.
— Das geht dich nichts an.
— Doch.
Mutter ist auch meine Mutter.
Und wenn jemand ihr Haus zu einer Zwischenstation für fremde Ehefrauen machen will, möchte ich davon wissen.
Alina fuhr auf.
— Denis, misch dich nicht ein!
Das ist zwischen Viktor und Katja!
— Nicht mehr nur.
Ich habe gehört, du willst ans Meer fahren?
— Na und?
— Und Sonja willst du bei einem fremden Menschen abladen.
Katja ist nicht mit dir verwandt.
Sie ist Viktors Frau und nicht dein persönliches Kindermädchen.
Marina schnaubte.
— Du bist aber sehr korrekt.
Eine Familie muss einander helfen.
Denis drehte sich zu ihr um.
— Und wer bist du überhaupt?
— Alinas Freundin.
— Dann sei still.
Das ist eine Familienangelegenheit, nicht deine.
Marina öffnete den Mund, aber Alina zog sie am Ärmel.
Denis trat dicht an Viktor heran.
— Begreifst du überhaupt, was du da machst?
— Ich löse ein Problem!
— Du schaffst ein Problem.
Was sind das für Angelegenheiten, wegen denen du deine Frau aus dem Haus werfen musst?
Viktor sah weg.
— Persönliche.
— Persönliche.
Verstehe.
Vielleicht Lenka?
Katja spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte.
Viktor zuckte zusammen.
— Was hat Lenka damit zu tun?
— Damit, dass du seit einem Monat mit ihr schreibst.
Hast du gedacht, ich merke das nicht?
— Hast du mich ausspioniert?!
— Du hast letzte Woche dein Handy bei Mutter vergessen.
Der Bildschirm leuchtete ständig auf.
Ich kann nichts dafür, dass deine Benachrichtigungen offen angezeigt werden.
Katja stand regungslos da.
In ihr war alles kalt und klar.
Kein Schmerz — nur kristallklare Erkenntnis.
— Viktor, — sagte sie.
— Das sind also deine „Angelegenheiten“.
— Katja, das ist nicht…
— Rede nicht weiter.
Ich habe genug gehört.
Sie nahm ihre Tasche vom Haken.
Sie holte die Schlüssel, die Dokumente und das Telefon heraus.
Sie prüfte, ob ihre Karte in der Tasche war.
— Wohin gehst du? — Viktor packte sie am Arm.
— Lass mich los.
— Lass uns vernünftig reden!
— Wir haben bereits geredet.
Du wolltest mich zu deiner Mutter schicken, damit die Wohnung für eine andere Frau frei ist.
Und deine Schwester hat dir dabei geholfen, weil sie ein kostenloses Kindermädchen braucht.
Alina wurde rot.
— Ich wusste nichts von Lenka!
— Aber du wusstest, dass du dabei hilfst, mich aus meinem eigenen Zuhause zu vertreiben.
Das reicht.
Denis stellte sich neben Katja.
— Ich fahre dich hin, wohin du willst.
— Danke.
Aber ich schaffe das selbst.
— Katja, warte! — Viktor stürzte ihr hinterher.
— Du hast alles falsch verstanden!
Lenka ist nur eine Bekannte!
— Viktor.
Ich werde nicht bei deiner Mutter wohnen.
Ich werde nicht auf das Kind eines anderen aufpassen.
Und ich werde auch nicht länger deine Frau sein.
— Du kannst nicht einfach so gehen!
— Doch.
Und ich gehe.
*
Katja trat aus dem Haus und atmete die Abendluft ein.
Ihr Kopf war klar, ihre Bewegungen präzise.
Sie holte ihr Telefon heraus und wählte die Nummer einer Immobilienmaklerin, mit der sie einige Jahre zuvor zusammengearbeitet hatte.
— Olga?
Guten Abend.
Ich brauche eine Mietwohnung.
Heute.
Ja, dringend.
Einzimmerwohnung, die Gegend ist egal.
Ich warte auf die Adresse.
Eine Stunde später saß sie bereits in einer leeren, aber sauberen Wohnung am anderen Ende der Stadt.
Von ihren Sachen hatte sie nur die Tasche mit den Dokumenten dabei.
Den Rest konnte sie später holen.
Oder überhaupt nicht.
Das Telefon klingelte ununterbrochen.
Viktor, Alina, unbekannte Nummern.
Katja setzte sie auf die Sperrliste und schaltete den Ton aus.
Nur einen Anruf nahm sie an.
— Katja, hier ist Denis.
Wie geht es dir?
— Gut.
Ich habe eine Wohnung gemietet.
— Das ging schnell.
— Warum sollte ich warten?
— Hör mal… Viktor gerät hier in Panik.
Er sagt, du übertreibst.
— Soll er reden.
Das ist mir egal.
— Ich bin auf deiner Seite.
Wenn du etwas brauchst, ruf an.
— Danke, Denis.
Du hast mir schon geholfen.
Sie legte auf und sah zur Decke.
Vier Jahre.
Eintausendvierhundertsechzig Tage.
Und ein einziger Abend, um alles zu beenden.
Am nächsten Morgen rief Alina sie an.
— Katja, ich muss mit dir reden!
— Worüber?
— Über Viktor!
Er weiß nicht, wohin mit sich!
— Das ist sein Problem.
— Aber du bist doch seine Frau!
— Nicht mehr.
— Wie, nicht mehr?!
Ihr seid doch noch nicht einmal geschieden!
— Das werden wir.
Ich reiche diese Woche die Scheidung ein.
— Bist du verrückt geworden?!
Wegen irgendeines Streits?!
— Das ist kein Streit, Alina.
Das ist die Wahrheit.
Die Wahrheit, die ihr alle vor mir verborgen habt.
— Welche Wahrheit?!
Viktor hat gesagt, Lenka sei nur eine Kollegin!
— Alina.
Du wusstest, dass er mich aus der Wohnung haben wollte.
Du hast ihm geholfen.
Es war für dich praktisch, dass ich auf dein Kind aufpassen sollte.
Ich war dir als Mensch völlig egal.
Du hast nur an deinen Urlaub gedacht.
Am anderen Ende herrschte Schweigen.
— Und weißt du was? — fuhr Katja fort.
— Ich bin nicht wütend.
Ich mache einfach nicht mehr bei diesem Zirkus mit.
— Du wirst es noch bereuen!
— Glaube ich nicht.
Katja beendete den Anruf und setzte die Nummer erneut auf die Sperrliste.
Eine Woche später schickte Denis ihr eine Nachricht:
„Viktor und Lenka haben sich getrennt.
Sie hat erfahren, dass er verheiratet ist, und ihn zum Teufel geschickt.
Alina ist nirgendwohin gefahren — Marina hat sich eine andere Reisebegleitung gesucht.
Mutter fragt, wie es dir geht.
Soll ich ihr etwas sagen?“
Katja antwortete kurz:
„Sag ihr, dass es mir gut geht.
Das ist die Wahrheit.“
Sie legte das Telefon beiseite und lächelte.
Draußen vor dem Fenster begann ein neuer Tag.
Der erste Tag ihres wirklichen Lebens.