— Du sollst die Wahrheit erfahren: Deine Tochter lebt, flüsterte die Schwiegermutter, und auf ihrem Gesicht erschien ein raubtierhaftes Grinsen.

Jelena deckte den Tisch für vier Personen, obwohl sie wusste, dass Roman spät nach Hause kommen würde.

Sinaida Iwanowna saß vor dem Fernseher, ohne den Kopf zu drehen.

Die Teller standen ordentlich aufgereiht, das Brot war geschnitten, und aus der Suppe stieg Dampf auf.

— Sinaida Iwanowna, das Abendessen ist fertig.

— Ich höre es.

Ich bin nicht taub.

Hast du schon wieder das Salz vergessen?

— Nein, ich habe gesalzen.

Probieren Sie.

Die alte Frau ging zum Tisch, schöpfte mit dem Löffel etwas Suppe und verzog das Gesicht.

Sie schob den Teller von sich.

Jelena stand mit vor dem Körper gefalteten Händen daneben und wartete auf das Urteil.

— Versalzen.

Wie immer.

Du hast zwei linke Hände.

— Ich habe mir Mühe gegeben, Sinaida Iwanowna.

Wenn Sie möchten, kann ich die Suppe mit Brühe verdünnen.

— Ich brauche deine Gefälligkeiten nicht.

Geh die Böden wischen, Roman hat heute Morgen alles schmutzig gemacht.

Und wisch im Badezimmer die Fliesen ab, es ist eine Schande, Leute einzuladen.

Jelena nickte und ging einen Lappen holen.

Seit vier Jahren lebte sie in diesem Haus.

Seit vier Jahren endete jeder Abend auf dieselbe Weise, mit einer schweigend hingenommenen Kränkung, die sie wie eine bittere Tablette hinunterschluckte.

Gegen Mitternacht knallte die Tür.

Roman ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm ein Bier heraus.

— Roman, ich habe dir Abendessen aufgehoben.

— Ich habe keinen Hunger.

Ich habe in der Stadt gegessen.

— Mit wem?

Er sah sie an, als hätte sie ihm eine Frage in einer fremden Sprache gestellt.

Er zuckte mit den Schultern und ging ins Zimmer.

Jelena stand im Flur und hörte, wie hinter der Wand eine Frauenstimme aus seinem Telefon lachte.

Am Morgen ging sie eine Etage höher und klingelte bei Nina Semjonowna.

Die alte Frau öffnete sofort, als hätte sie auf Jelena gewartet.

— Lenotschka, komm herein.

Ich habe den Wasserkessel aufgesetzt.

— Nina Semjonowna, ich habe Ihnen Brot und Kefir mitgebracht.

Und die Blutdrucktabletten habe ich auch in der Apotheke geholt.

— Setz dich, mein Kind.

Deine Augen sind schon wieder rot.

Jelena setzte sich auf den knarrenden Stuhl und umschloss die Tasse mit beiden Händen.

Nina Semjonowna betrachtete sie durch die dicken Gläser ihrer Brille, und in diesem Blick lag mehr Wärme, als Jelena in all den Jahren in der Wohnung darunter erhalten hatte.

— Du bist jung.

Warum erträgst du das?

— Ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann, Nina Semjonowna.

Meine Eltern sind nicht mehr da.

Die Wohnung gehört ihnen, und dort bin ich niemand.

Mein Gehalt reicht nur für Essen und Fahrkosten.

— Hör mir zu, Lena.

Ich habe achtzig Jahre gelebt.

Geduld ist eine gute Sache, aber nicht, wenn jemand dich über seinem Knie zerbricht.

Nina Semjonowna starb am ersten Dezember still im Schlaf.

Jelena fand sie am Morgen, als sie wie gewöhnlich mit Milch und einem Brotlaib vorbeikam.

Eine Stunde lang saß sie neben ihr, hielt ihre erkaltete Hand und schwieg.

Drei Personen kamen zur Beerdigung: Jelena, die Nachbarin aus dem ersten Stock und der Briefträger, der ihr zwanzig Jahre lang die Zeitungen gebracht hatte.

Nina Semjonownas Kinder kamen nicht.

Zwei Wochen später wurde Jelena zu einem Notar bestellt.

Sie dachte, es gehe um irgendwelche Dokumente, die sie unterschreiben müsse.

Doch der Notar öffnete eine Mappe und las das Testament vor.

— Jelena Wiktorowna, Nina Semjonowna Krapiwina hat Ihnen ihre Wohnung, zwei Bankeinlagen und eine Sammlung antiker Möbel hinterlassen.

Hier sind die Dokumente.

— Das… das muss ein Irrtum sein.

— Es liegt kein Irrtum vor.

Das Testament wurde vor anderthalb Jahren verfasst.

Hier ist ein Auszug aus dem Text: „Für Jelena Wiktorowna Somowa, für die Güte, die ich von meinem eigenen Fleisch und Blut niemals erfahren habe.“

Jelena kehrte nach Hause zurück und begann schweigend ihre Sachen zu packen.

Zehn Minuten später erschien Sinaida Iwanowna in der Türöffnung.

— Wohin willst du?

— Ich gehe.

— Wohin?

Zu wem?

Du hast keinen Ort, an den du gehen kannst, das hast du selbst hundertmal gesagt.

— Jetzt habe ich einen.

Sinaida Iwanowna trat näher und kniff die Augen zusammen.

— Hat dir die Alte von oben etwas hinterlassen?

Ich wusste doch, dass du nicht ohne Grund ständig zu ihr gelaufen bist.

Du hast die alte Frau manipuliert, nicht wahr?

Jelena blieb stehen.

Langsam stellte sie die Tasche auf den Boden.

Dann drehte sie sich um.

— Wiederholen Sie, was Sie gerade gesagt haben.

— Ich sagte, du hast sie manipuliert.

Du hast dir das Erbe erbettelt.

Glaubst du, ich verstehe das nicht?

Jelena trat ganz dicht an sie heran, sodass ihre Schwiegermutter bis zur Wand zurückwich.

— Vier Jahre lang habe ich Ihre Böden gewischt, Ihr Essen gekocht, Ihre Wäsche gewaschen und kein einziges Mal ein „Danke“ gehört.

Vier Jahre lang hat Ihr Sohn fremde Frauen hierhergebracht, und Sie haben so getan, als wäre das ganz normal.

Ich war für Sie keine Schwiegertochter.

Ich war Ihre unbezahlte Dienstmagd.

Und Sie wagen es, mir zu erzählen, wer hier wen manipuliert hat?

Jelenas Stimme steigerte sich zu einem Schrei.

Sinaida Iwanowna wurde blass.

In vier Jahren hatte sie von ihrer Schwiegertochter kein einziges Wort gehört, das lauter als ein Flüstern gewesen war.

— Lena, was erlaubst du dir…

— Schweigen Sie.

Ich bin noch nicht fertig.

Nina Semjonowna stand mir näher, als Sie es jemals getan haben.

Sie sah in mir einen Menschen.

Sie dagegen sahen nur einen Bodenlappen.

Jelena hob ihre Tasche auf und ging hinaus.

Roman saß in der Küche.

Er drehte nicht einmal den Kopf.

Der Oktober kam mild, mit goldenen Pappeln und dem Geruch von feuchtem, verrottendem Laub.

Jelena ging durch den Park, als ihr Fuß an einer Wurzel hängen blieb und sie nach vorn stürzte.

Eine Hand packte sie am Ellbogen.

— Vorsicht.

Hier sind überall Wurzeln.

Haben Sie sich verletzt?

— Nein, danke.

Ich habe mir nur die Strumpfhose zerrissen.

— Andrej.

— Jelena.

Neben ihm stand ein etwa achtjähriges Mädchen mit zwei roten Zöpfen.

Es betrachtete Jelena ernst und aufmerksam, wie eine Erwachsene.

— Und das ist Katja, sagte Andrej.

Meine Tochter.

Katjuscha, sag guten Tag.

— Guten Tag.

Sie haben einen schönen Schal.

Jelena lächelte.

Sie kamen ins Gespräch, zuerst über den Park, dann über die Stadt und schließlich darüber, wie schwer es manchmal war, neu anzufangen.

Andrej war Witwer.

Seine Frau Swetlana war vor drei Jahren ums Leben gekommen.

Er zog Katja allein groß.

Sie trafen sich immer wieder.

Katja gewöhnte sich nur langsam an Jelena, doch eines Tages nahm sie von selbst Jelenas Hand, als sie die Straße überquerten.

Jelena spürte, wie sich etwas in ihr regte, etwas Warmes und Unbekanntes.

Dann kam der Abend, der alles auf den Kopf stellte.

Jelena näherte sich dem Hauseingang, als eine vertraute Gestalt aus dem Schatten trat.

Es war Sinaida Iwanowna, gealtert, in einem alten Mantel und mit zitternden Händen.

— Lena, warte.

Ich muss dir etwas sagen.

— Wir haben nichts miteinander zu besprechen.

— Doch, haben wir.

Setz dich.

Bitte.

Etwas in ihrer Stimme brachte Jelena dazu, stehen zu bleiben.

Sie setzten sich auf die Bank vor dem Hauseingang.

— Deine Tochter lebt.

Jelena bewegte sich nicht.

Die Luft wurde so dicht wie Watte.

— Was haben Sie gesagt?

— Das Mädchen ist nicht gestorben.

Roman wusste es.

Über eine befreundete Hebamme arrangierte er alles und gab das Kind einem kinderlosen Paar.

Der Nachname war… Malinina, glaube ich.

Oder so ähnlich.

Das Mädchen ist jetzt acht Jahre alt.

— Warum erzählen Sie mir das?

— Weil er mich hinausgeworfen hat.

Er brachte eine neue Frau mit und sagte mir, ich solle gehen, wohin ich wolle.

Ich dachte, wenigstens seine eigene Mutter würde er nicht verlassen.

Aber er hat es getan.

Jelena stand auf.

Ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme war ruhig.

— Sie wussten es.

Vor acht Jahren kamen Sie ins Krankenhaus und sagten zu mir: „Mach dich nicht kaputt, du wirst ein neues Kind bekommen.“

Sie wussten, dass meine Tochter lebt.

Und Sie haben geschwiegen.

— Lena…

— Sie sind keinen Deut besser als er.

Sie sind schlimmer.

Denn Sie sind eine Frau und eine Mutter.

Und Sie haben mir mein Kind weggenommen.

Sinaida Iwanowna begann zu weinen.

Jelena drehte sich um und ging in das Gebäude, ohne sich noch einmal umzusehen.

*

Drei Wochen lang suchte Jelena in alten Dokumenten, in Archiven, über Bekannte und bei jedem, den sie erreichen konnte.

Andrejs Telefon blieb still, weil sie selbst nicht auf seine Anrufe antwortete und nicht die Kraft fand, ihm etwas zu erklären.

Dann kam er selbst.

Er brachte Katja und einen Strauß gelber Chrysanthemen mit.

Katja streckte ihr die Blumen entgegen, wobei der Ärmel ihrer Jacke nach oben rutschte.

Auf ihrem Handgelenk war ein Muttermal.

Es war klein und hatte die Form eines unregelmäßigen Sternchens.

Jelena hob ihre eigene Hand.

Dasselbe Muttermal, an derselben Stelle.

Genau wie bei ihrer Mutter.

Genau wie bei ihrer Großmutter.

— Katjenka, geh dir die Bücher im Zimmer ansehen.

Auf dem Regal stehen einige interessante.

Das Mädchen lief davon.

Andrej setzte sich Jelena gegenüber.

— Lena, ich rufe dich seit drei Wochen an.

Was ist passiert?

— Wann wurde Katja geboren?

— Am zwölften März.

Warum?

— Wie lautete Swetlanas Mädchenname?

— Malinina.

Lena, bitte erklär mir, was hier vor sich geht.

Jelena erzählte ihm alles.

Von der Geburt bis zu den Worten Sinaida Iwanownas.

Andrej hörte zu, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich von Verwirrung zu Entsetzen und von Entsetzen zu etwas, das einem stillen Schmerz ähnelte.

— Swetlana… sie sagte mir vor ihrem Tod etwas.

Ich dachte, sie phantasiere wegen der Schmerzmittel.

Sie sagte: „Finde ihre Mutter.

Versprich es mir.“

Damals verstand ich es nicht.

Ich dachte, sie meinte ihre eigene Mutter.

— Wusste sie es?

— Sie wusste es von Anfang an.

Sie konnte keine Kinder bekommen.

Man machte ihr ein Angebot… über eine Bekannte im Entbindungsheim.

Sie stimmte zu.

Danach quälte es sie ihr ganzes Leben lang.

Lange schwiegen sie.

Aus dem Zimmer war das Rascheln von Seiten zu hören, während Katja in Nina Semjonownas Büchern blätterte.

— Ich werde keinen Test machen lassen, sagte Jelena.

— Warum nicht?

— Weil sie glücklich ist.

Sie hat einen Vater, der sie liebt.

Sie hat die Erinnerung an eine Mutter, die sie großgezogen hat.

Ich habe kein Recht, das zu zerstören.

— Und wenn ich möchte, dass du bei uns bist?

Nicht als ihre Mutter, sondern einfach als du selbst?

Jelena kam nicht dazu zu antworten.

Jemand hämmerte gegen die Tür.

Sie öffnete, und Roman stand auf der Schwelle.

— Na, ihr habt es euch ja schön eingerichtet, sagte er und betrachtete die Wohnung von der Tür aus.

Drei Zimmer und antike Möbel.

Nicht schlecht für eine ehemalige Dienstmagd.

— Verschwinde.

— Nicht so schnell.

Ich habe von dem Erbe erfahren.

Wir wurden schließlich erst im vergangenen Jahr offiziell geschieden, und die Alte hat das Testament geschrieben, als wir noch verheiratet waren.

Also gehört die Hälfte mir.

Ich habe mich erkundigt.

— Du hast dich über gar nichts erkundigt.

Du hast dir das ausgedacht und bist gekommen, um mir Angst zu machen.

Wie immer.

Roman trat einen Schritt nach vorn.

Andrej stand auf.

— Wer ist das?

Dein neuer Verehrer?

Du warst ja schnell, Lena.

— Verlassen Sie die Wohnung, sagte Andrej mit tiefer und ruhiger Stimme.

— Du hast mir nicht den Mund zu verbieten.

Das sind meine Familienangelegenheiten.

Jelena trat ganz dicht an Roman heran, so wie damals an Sinaida Iwanowna, aber diesmal zitterte sie nicht.

Sie packte ihn am Kragen seiner Jacke und stieß ihn zur Tür.

Roman wich überrascht zurück.

Er hatte sie noch nie so gesehen.

— Vor acht Jahren hast du meine Tochter verkauft.

Meine lebende, gesunde Tochter.

Du hast mir gesagt, sie sei gestorben.

Du hast mir in die Augen gesehen, als ich nachts geweint habe, und geschwiegen.

Du bist nichts.

Und jetzt kommst du hierher und verlangst Geld?

Sie stieß ihn noch einmal, diesmal stärker.

Roman schlug mit dem Rücken gegen den Türrahmen.

— Du bist verrückt geworden!

Welche Tochter?

Wovon redest du?

— Deine Mutter hat mir alles erzählt.

Alles, Roman.

Von der Hebamme und von der Familie Malinin.

Katja kam aus dem Zimmer.

Sie sah den fremden Mann und drückte sich an ihren Vater.

Andrej legte den Arm um sie.

Roman sah das Mädchen an.

Dann Jelena.

Dann das Muttermal an ihrem Handgelenk.

Und er wurde blass.

— Ich werde nirgendwohin gehen, sagte Jelena, als sie Andrej in demselben Park gegenübersaß, in dem sie sich kennengelernt hatten.

Zehn Jahre lang bin ich vor allem davongelaufen.

Vor der Trauer, vor der Einsamkeit und vor mir selbst.

Ich werde nicht mehr davonlaufen.

— Das ist richtig so.

— Katja darf es nicht erfahren.

Nicht jetzt.

Vielleicht, wenn sie erwachsen ist.

Vielleicht niemals.

Sie hat ihre Mutter schon einmal verloren.

Ich will nicht, dass ihre Welt noch einmal auf den Kopf gestellt wird.

— Und wenn sie selbst danach fragt?

Kinder spüren so etwas.

— Dann sagen wir ihr die Wahrheit.

Gemeinsam.

Aber nicht, bevor sie bereit dafür ist.

Andrej nahm ihre Hand.

Katja lief zwischen den Bäumen umher und sammelte Kastanien, während ihre roten Zöpfe zwischen den Blättern aufblitzten.

Einen Monat später fand Jelena in Nina Semjonownas Wohnung einen Umschlag.

Er lag in einem Sekretär zwischen den Seiten einer alten Bibel und trug in sorgfältiger, zittriger Altersschrift die Aufschrift: „Für Lenotschka, wenn die Zeit gekommen ist.“

Darin lag ein Brief.

„Mein Kind, ich weiß von deiner Tochter.

Ich hörte, wie Sinaida mit ihrer Freundin am Telefon darüber sprach, denn die Wände in unserem Haus sind dünn wie Papier.

Das war eine Woche nach deiner Entbindung.

Damals wollte ich es dir erzählen, aber ich bekam Angst.

Du warst so zerbrechlich, dass ich beschloss zu warten.

Dann ließ ich die Jahre verstreichen und versuchte, mir meine Feigheit zu verzeihen.

Zusammen mit diesem Brief liegt in einem Bankschließfach ein Umschlag mit einer Kopie der Quittung, die dein Mann der Hebamme ausgestellt hat.

Die Nummer des Schließfachs steht auf der Rückseite.

Ich nahm die Kopie jener Frau ab, als sie in unserer Poliklinik lag und Medikamente brauchte.

Verzeih mir, dass ich so lange gewartet habe.

Aber ich wusste, dass du stark bist.

Du wirst es schaffen.

Nina.“

Jelena saß mit dem Brief in den Händen da, und Tränen liefen über ihre Wangen.

Es waren keine Tränen der Trauer, sondern der Dankbarkeit.

Nina Semjonowna hatte sie sogar nach ihrem Tod beschützt.

Roman erschien zwei Monate später noch einmal.

Er klingelte an der Tür und stand zerknittert und grau im Treppenhaus.

— Lena, ich brauche Geld.

Ich werde aus der Wohnung geworfen.

Mutter hat die Wohnung zurückgenommen und sie auf irgendeinen entfernten Verwandten überschrieben.

Ich lande auf der Straße.

— Und deshalb bist du zu mir gekommen?

— Ich habe sonst niemanden.

Alle haben sich von mir abgewandt.

Die Neue ist gegangen, als sie von… nun ja, von dem Kind erfahren hat.

Jemand hat es ihr erzählt.

— Jemand hat es ihr erzählt, wiederholte Jelena.

Wie schade.

— Lena, ich verstehe, dass ich schuldig bin.

Aber ich habe wirklich keinen Ort, an den ich gehen kann…

— Roman.

Vor acht Jahren hast du meine Tochter fremden Menschen gegeben und mir erzählt, sie sei tot.

Du bist nicht ins Krankenhaus gekommen.

Du hast meine Hand nicht gehalten.

Du hast im Zimmer nebenan gelebt und nicht gehört, wie ich geweint habe.

Willst du, dass ich jetzt Mitleid mit dir habe?

— Ich bitte nicht um Mitleid.

Ich bitte um Hilfe.

— Hilfe bekommen diejenigen, die sie verdienen.

Die Tür ist hinter dir.

Roman ging.

Jelena schloss die Tür und lehnte ihre Stirn dagegen.

Am Abend malte Katja ein Bild mit drei Gestalten unter einem großen Baum.

Mit krummen Buchstaben schrieb sie darunter: „Papa, Katja und Lena.“

Dann reichte sie Jelena die Zeichnung.

— Das sind wir.

Im Park.

Ich mag es, wenn du bei uns bist.

Jelena drückte die Zeichnung an ihre Brust.

Sie begann nicht zu weinen.

Sie lächelte.

Ihre Tochter lebte.

Sie lachte, sammelte Kastanien und malte Bilder.

Und sie hatte sich selbst, ohne die Wahrheit zu kennen, für Jelena entschieden.

Das erwies sich als wichtiger als alles andere auf der Welt.