— A-a-a-a! — Svetlanas Kreischen war wahrscheinlich noch im ersten Stock zu hören.
— Was machst du da, du Verrückte?!

Ich bin klatschnass!
Mir ist kalt!
— Ich brauche eine Wohnung!
Hier!
Im Zentrum, mit Infrastruktur und einer Poliklinik für das Kind!
Du Egoistin sitzt hier mit deinen Holzstücken, und wir sollen von einer Mietbude zur nächsten ziehen?
— Glaubst du wirklich, dass deine Prinzipien dich im Winter besser wärmen als ein lebender Mensch an deiner Seite? — die Stimme am Telefon hatte diesen besonderen Tonfall, in dem sich Ironie und aufrichtiges Interesse mischten.
— Vera, wir reden seit einem halben Jahr um den heißen Brei herum.
— Maksim, es geht nicht um Wärme, — Vera klemmte das Telefon zwischen Schulter und Ohr und schliff dabei die Kante eines Holzteils.
Sie stellte komplizierte mechanische Rätsel her, und gerade entstand in ihren Händen ein weiteres Labyrinth.
— Es geht darum, dass ich dieses „Wir versuchen es mal“ nicht kann.
Ich brauche „ganz sicher“.
— Im Leben gibt es nichts „ganz sicher“, außer Steuern und der Tatsache, dass ich dich am Freitag abhole, wenn du aufhörst, dich wie eine Festung aufzuführen, — lachte Maksim.
— Ich werde darüber nachdenken.
Wirklich.
Aber heute möchte ich allein sein.
Ich muss den Auftrag für die Ausstellung fertigstellen.
— Gut.
Aber denk daran: Selbst die kompliziertesten Schlösser gehen irgendwann auf, wenn man den richtigen Schlüssel findet.
Bis bald, Vera.
Sie beendete das Gespräch und legte das Smartphone auf die Werkbank.
Die Stille in der Wohnung war dicht und gemütlich und roch nach Holzspänen und Lack.
Vera liebte diesen Zustand — wenn die Welt auf den Lichtfleck der Schreibtischlampe zusammenschrumpfte.
Sie war siebenundzwanzig und hatte sich daran gewöhnt, ihre Einsamkeit nicht als Strafe, sondern als Privileg zu betrachten.
Ihr Bruder Kirill lebte sein eigenes Leben, ihre Freundinnen waren zwischen Windeln und Hypotheken verschwunden, und sie baute ihre kleinen hölzernen Universen.
Das Klingeln an der Tür war schrill und fordernd.
Es zerschnitt den gemütlichen Abend wie ein Messer eine Leinwand.
Vera zuckte zusammen.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Maksim?
Nein, er hätte angerufen.
Vielleicht Kirill?
Sie öffnete die Tür, ohne durch den Türspion zu sehen.
Auf der Schwelle stand Svetlana.
Die Frau ihres Bruders sah aus wie immer — auffallend grell, als wäre sie gerade dem Titelblatt eines Magazins über glamouröses Provinzleben entstiegen.
Svetlana suchte Komparsen für Werbespots aus und trat immer so auf, als würde sie sich selbst einen Oscar überreichen.
— Hallo, Schwägerin, — warf Svetlana hin und trat entschlossen über die Schwelle.
Die schmutzigen Sohlen ihrer klobigen Stiefel hinterließen fette schwarze Spuren auf dem hellen Laminat im Flur.
Sie dachte nicht einmal daran, an der Fußmatte stehen zu bleiben.
— Hallo, Sveta, — Vera trat verwirrt zurück und sah auf die schmutzigen Streifen.
— Ist Kirill bei dir?
Ist etwas passiert?
— Kirill ist bei der Arbeit und verdient Geld für meine Launen, — schnaubte der Gast und ging direkt ins Wohnzimmer.
Sie ließ sich in Veras Lieblingssessel aus Velours fallen, schlug die Beine übereinander und musterte das Zimmer mit prüfendem Blick, wie eine Maklerin vor einem Abschluss.
— Passiert ist, dass wir ernsthaft reden müssen.
Setz dich, im Stehen redet es sich schlecht.
Vera spürte, wie sich in ihr ein unangenehmer Schauer ausbreitete.
Svetlana kam nie einfach so vorbei.
Sie ging langsam ins Zimmer, setzte sich aber nicht, sondern blieb an ihrem Arbeitstisch stehen.
— Ich höre.
— Also, die Sache ist die, — Svetlana klopfte sich mit der Hand auf den Bauch.
— Ich bin schwanger.
Wir bekommen ein Kind.
Einen Erben.
— Glückwunsch, — sagte Vera aufrichtig, wenn auch überrascht.
— Das sind wunderbare Neuigkeiten.
Kirill ist bestimmt glücklich?
— Kirill verdaut das noch, — winkte Svetlana ab.
— Aber darum geht es nicht.
Es geht um Quadratmeter.
Wir wohnen zur Miete und zahlen irgendeinem fremden Kerl wahnsinnig viel Geld.
Und Kirill hat übrigens eine eigene, rechtmäßige Immobilie.
Genau diese Zweizimmerwohnung hier.
Vera runzelte die Stirn.
Die Sanftheit, mit der sie der Welt gewöhnlich begegnete, wich langsam der Wachsamkeit.
— Sveta, da verwechselst du etwas.
Diese Wohnung gehört mir.
— Ach, erzähl mir keinen Unsinn! — Svetlana beugte sich abrupt vor, ihre Augen wurden schmal.
— Kirill hat mir alles erzählt.
Großvater hat euch beiden die Wohnung hinterlassen.
Je zur Hälfte.
Also gehört die Hälfte hier ihm und damit uns.
Und da wir ein Kind bekommen, brauchen wir alles.
Du allein hast es hier mit zwei Zimmern viel zu gut.
Kurz gesagt: Pack deine Sachen.
Vera sah die Frau ihres Bruders an und erkannte sie kaum wieder.
Die Gesichtszüge waren vertraut, doch jetzt war Svetlanas Gesicht von einer solchen Gier verzerrt, dass sie wie eine Fremde wirkte.
— Sveta, hör mir genau zu, — Vera sprach leise und versuchte, ruhig zu bleiben.
Sie glaubte daran, dass sich jedes Problem zivilisiert lösen ließ.
— Du irrst dich.
Ja, Großvater hat uns beiden die Wohnung hinterlassen.
Aber vor zwei Jahren, als Großmutter starb, haben Kirill und ich alles neu überschrieben.
— Was sollt ihr denn da neu überschrieben haben? — schnaubte Svetlana und unterbrach sie.
— Kirill ist ein rückgratloser Idiot, du hast ihn einfach übers Ohr gehauen!
Du hast den Moment ausgenutzt!
— Wage es nicht, so über meinen Bruder zu reden.
Und auch nicht über unsere Familie, — Veras Stimme wurde fester.
— Großmutter hat das Wochenendhaus hinterlassen.
Ein gutes Haus, ein Grundstück, Gas und Wasser.
Das war ebenfalls Geld wert.
Kirill und ich haben uns geeinigt: Ich verzichte zu seinen Gunsten auf meinen Anteil am Wochenendhaus, und er schenkt mir seinen Anteil an der Wohnung.
Wir haben alles beim Notar geregelt.
Offiziell.
Die Wohnung gehört mir.
Kirill ist alleiniger Eigentümer des Wochenendhauses.
— Wochenendhaus?! — kreischte Svetlana.
— Diese Bruchbude drei Stunden von der Stadt entfernt?
Er hat eine Stadtwohnung gegen Gemüsebeete eingetauscht?
Für wie blöd hältst du mich?
Kirill hätte niemals einer solchen Dummheit zugestimmt!
— Das Haus ist fast so viel wert wie diese Wohnung, dort ist eine exklusive Siedlung, — erklärte Vera geduldig.
— Kirill wollte ein Haus außerhalb der Stadt, er arbeitet im Landschaftsdesign, er brauchte das.
— Mir ist völlig egal, was er brauchte! — Svetlana sprang aus dem Sessel.
Ihr Gesicht verzog sich vor Wut.
— Ich brauche eine Wohnung!
Hier!
Im Zentrum, mit Infrastruktur und einer Poliklinik für das Kind!
Du Egoistin sitzt hier mit deinen Holzstücken, und wir sollen von einer Mietbude zur nächsten ziehen?
— Sveta, Kirill hat ein wunderschönes Haus.
Ihr könnt dort wohnen.
Oder es verkaufen und eine Wohnung kaufen.
Das ist euer Eigentum.
Aber hier ist mein Zuhause.
Ich bitte dich zu gehen.
Svetlana griff sich plötzlich an den Bauch und krümmte sich.
— Au! — stöhnte sie.
— Au, wie weh das tut!
Du hast mich so weit gebracht!
Ich habe Stress!
Wegen dir bekomme ich jetzt eine Fehlgeburt, du Miststück!
Vera erstarrte.
Die Angst verdrängte augenblicklich die Wut.
Eine schwangere Frau mit Schmerzen — damit machte man keine Scherze.
— Sveta, leg dich hin! — Vera stürzte zum Telefon.
— Ich rufe sofort einen Krankenwagen!
Sag mir die Symptome, wo genau tut es weh?
Sie hatte bereits „103“ gewählt, als Svetlana sich plötzlich aufrichtete und Vera das Telefon aus der Hand schlug.
Das Gerät fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Teppich.
— Kein Krankenwagen! — brüllte sie.
— Bist du dumm oder was?
Ich sage dir: Verschwinde aus der Wohnung!
Oder zahl uns Miete für die Hälfte der Wohnfläche.
Dreißigtausend im Monat reichen mir fürs Erste.
Vera sah die Frau vor sich an und spürte, wie in ihr etwas zerbrach.
Das Mitleid verschwand.
Das Mitgefühl verflüchtigte sich.
Zurück blieb nur ein angewidertes Begreifen: Vor ihr stand keine werdende Mutter, sondern ein Raubtier, das gekommen war, um sich ein Stück Fleisch herauszubeißen.
— Raus, — sagte Vera leise.
— Was hast du da gequiekt? — Svetlana ging auf das Regal mit den fertigen Arbeiten zu.
— Ich höre nichts?
— Raus aus meinem Haus.
Sofort.
— Ach so? — Svetlana griff nach einer komplizierten Konstruktion auf dem Regal — einer mechanischen Schatulle, an der Vera zwei Monate gearbeitet hatte.
— Du wirfst also eine Schwangere raus?
Sie holte aus und schleuderte die Schatulle auf den Boden.
Es krachte, als das Holz brach.
Kleine Zahnräder sprangen in alle Richtungen.
*
Vera starrte auf die Trümmer ihrer Arbeit.
Es rauschte ihr in den Ohren.
Das war nicht einfach nur Holz — darin steckten Zeit, Seele und schlaflose Nächte.
Es war ein Verrat an allen menschlichen Normen.
Svetlana streckte bereits die Hand nach dem nächsten Modell aus.
Vera handelte reflexartig, ohne nachzudenken.
Auf dem Tisch stand eine große Glasvase mit Pfingstrosen, die ihr ein Kunde geschenkt hatte.
Darin waren etwa eineinhalb Liter Wasser.
Vera griff nach der Vase, zog mit einer Bewegung die Blumen heraus, warf sie auf den Tisch, drehte sich herum und schüttete den gesamten Inhalt direkt in Svetlanas vom Schreien verzerrtes Gesicht.
Eine Welle kalten, abgestandenen Wassers traf die Schwägerin und durchnässte sofort ihre Bluse, ihre teure Hose und ihre Frisur.
— A-a-a-a! — Svetlanas Kreischen war wahrscheinlich noch im ersten Stock zu hören.
— Was machst du da, du Verrückte?!
Ich bin klatschnass!
Mir ist kalt!
Sie stand mit ausgebreiteten Armen da, Wasser tropfte aus ihren Haaren, und die Wimperntusche lief in schwarzen Strömen über ihre Wangen.
Ihr ganzer Glanz war mit einer einzigen Bewegung abgewaschen.
Sie sah erbärmlich und lächerlich aus, wie ein nasses Huhn, das in einen Wolkenbruch geraten war.
Vera stellte schwer atmend die leere Vase auf den Tisch.
Ihre Hände zitterten nicht.
Im Gegenteil, in ihnen lag plötzlich eine beinahe tierische Sicherheit.
Sie hob ihr Telefon vom Boden auf.
— Hallo, Kirill? — Veras Stimme war vollkommen ruhig.
— Komm sofort zu mir.
Deine Frau ist hier.
Sie hat alles verwüstet.
Hol sie ab, bevor ich sie selbst ins Treppenhaus werfe.
— Was?!
Sie ist bei dir?
Vera, entschuldige, ich komme sofort! — der Bruder klang entsetzt.
— Mach nichts, ich bin in fünfzehn Minuten da!
Svetlana kreischte weiter, verlangte ein Handtuch und drohte mit der Polizei und der Strafe Gottes.
Vera ging schweigend ins Bad, nahm einen alten Frotteebademantel, den sie schon lange wegwerfen wollte, und warf ihn ihrer Schwägerin ins Gesicht.
— Ins Bad.
Zieh dich um.
Und sei still.
Noch ein Wort, und du gehst nass auf die Straße.
Svetlana schnappte sich mit klappernden Zähnen, sei es vor Kälte oder vor Wut, den Bademantel und verschwand im Bad.
Kirill stürmte außer Atem in die Wohnung, offenbar war er vom Auto bis hierher gerannt.
Er sah Vera mitten im Wohnzimmer stehen, die Trümmer der Schatulle auf dem Boden und eine Wasserlache.
— Vera, bist du unverletzt?
Hat sie dir etwas getan?
— Mir geht es gut, Kir.
Meiner Arbeit allerdings nicht, — Vera nickte zu der zerstörten Schatulle.
— Aber das sind Kleinigkeiten.
Deine Frau ist im Bad.
Sie trocknet sich.
In diesem Moment flog die Badezimmertür auf.
Svetlana kam in einem etwas zu großen Bademantel und mit nassen Haaren heraus und sah aus wie eine rasende Furie.
Als sie ihren Mann sah, wechselte sie sofort die Taktik.
— Kirjuscha! — heulte sie auf.
— Schau, was deine Schwester gemacht hat!
Sie hat mich mit Wasser überschüttet!
Sie hätte mich fast umgebracht!
Ich habe verlangt, dass sie unsere Wohnung für das Kind freimacht, und sie hat mich angegriffen!
Sag es ihr!
Sag ihr, dass das unsere Wohnung ist!
Kirill erstarrte.
Sein Blick wanderte von seiner Frau zu seiner Schwester und dann zu den verstreuten Zahnrädern.
Sein Gesicht wurde grau wie Asche.
— Sveta, — sagte er sehr leise.
— Sei still.
— Was?!
Du verteidigst sie?
Sie will uns mit dem Kind auf die Straße setzen!
— Von welchem Kind redest du? — Kirill sah sie mit einer schweren, beängstigenden Ruhe an.
— Von unserem!
Ich bin schwanger!
Vera beschloss einzugreifen.
— Kirill, ich bin nicht euer Feind.
Ich gratuliere dir, wirklich.
Ein Kind ist ein Wunder.
Aber die Wohnung gebe ich nicht her.
Du erinnerst dich doch an unsere Vereinbarung?
Ich erhebe keinen Anspruch auf das Wochenendhaus, du erhebst keinen Anspruch auf die Wohnung.
Wir waren beim Notar.
Erklär es ihr endlich.
Kirill bedeckte sein Gesicht mit den Händen und fuhr sich mit den Handflächen über die Augen, als wolle er einen schlechten Traum wegwischen.
— Sveta, — sagte er dumpf.
— Sag es mir noch einmal.
Du bist schwanger?
— Ja!
Ja!
Bist du taub? — sie lachte hysterisch.
— Wir bekommen ein Kind, und wir brauchen eine Wohnung!
Kirill ließ die Hände sinken.
Sein Blick wurde so kalt, dass Vera sich unwohl fühlte.
— Seltsam, — sagte er.
— Sehr seltsam.
Denn wir schlafen seit drei Monaten nicht mehr miteinander.
Seit ich dich dabei erwischt habe, wie du mit deinem „Ex“ geschrieben hast.
Wir wohnen in verschiedenen Zimmern.
Ich habe vor einer Woche die Scheidung eingereicht, du hast die Vorladung nur noch nicht bekommen.
Von wem bist du schwanger, Sveta?
Vom Heiligen Geist?
*
Im Zimmer wurde es still.
Vera öffnete leicht den Mund.
Das war eine Wendung.
Sie wusste, dass bei ihrem Bruder nicht alles glattlief, aber dass es so schlimm war …
Svetlana wurde blass, dann färbte sich ihr Gesicht wieder vor Wut.
Angriff ist die beste Verteidigung.
— Du … Du lügst doch nur! — schrie sie und stürzte sich auf ihren Mann.
— Impotenter!
Versager!
Du willst einfach nicht teilen!
Du hast dich mit dieser Ratte verschworen!
Sie holte aus, um Kirill ins Gesicht zu schlagen.
Vera wartete nicht.
Sie war bereits in der Küche gewesen, als der Streit angefangen hatte, und ihre Intuition hatte ihr gesagt, Wasser zu holen.
Nicht in einer Vase — sondern in einem großen Krug zum Blumengießen.
Sie kam genau in dem Moment ins Zimmer zurück, als Svetlana ihre Fingernägel in Kirills Hemd krallte.
— Kühl dich ab! — rief Vera und schüttete den Inhalt des Kruges mit voller Kraft über Svetlana.
Zum zweiten Mal an diesem Abend.
Das Wasser traf die Schwägerin am Rücken und am Kopf, durchnässte den Bademantel und machte ihn schwer und noch nasser.
— Verdammte Scheiße! — kreischte Svetlana und sprang von Kirill zurück.
— Schon wieder?!
Bist du krank?!
Gib mir sofort trockene Sachen!
Sie zitterte am ganzen Körper.
Das Wasser lief ihr die Beine hinunter und sammelte sich in Pfützen.
Vera stellte den Krug auf den Boden.
Nun lag stählerne Entschlossenheit in ihren Bewegungen.
Sie trat ganz dicht an Svetlana heran.
Vera war größer und nutzte diesen Vorteil jetzt aus.
— Nein, — sagte Vera scharf.
— Was heißt nein?
Gib mir Kleidung, mir ist kalt!
— Du bekommst in diesem Haus gar nichts mehr.
Keine Kleidung, kein Handtuch und kein Mitgefühl.
Da hinten in der Ecke liegen deine nasse Jacke und deine Hose.
Zieh dich an und verschwinde.
Oder geh nackt.
Mir ist es egal.
— Kirill!
Sag ihr was! — flehte Svetlana und klapperte mit den Zähnen.
Kirill stand am Fenster und blickte auf die Straße.
Er drehte sich nicht einmal um.
— Tu, was sie sagt, Sveta.
Und leg die Schlüssel zur Mietwohnung auf die Kommode.
Du wirst nicht dorthin zurückkehren.
Deine Sachen lasse ich per Kurier zu deiner Mutter bringen.
Svetlana begriff, dass sie verloren hatte.
Vollständig.
Endgültig.
Mit einem demütigenden Schmatzen stapfte sie ins Bad und zog ihre nassen, kalten, klebrigen Jeans und ihre Bluse an.
Die Stiefel schmatzten widerlich, als sie sie anzog.
Sie kam in den Flur, zitternd vor Kälte und Wut.
— Missgeburten.
Eine ganze Familie von Missgeburten, — zischte sie, aber es klang erbärmlich.
Vera öffnete schweigend die Tür und hielt sie offen, bis Svetlana, eine nasse Spur hinterlassend, ins Treppenhaus gegangen war.
Die Tür fiel mit einem schweren, endgültigen Klicken ins Schloss.
Vera lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete aus.
Das Adrenalin ließ nach und machte der Erschöpfung Platz.
— Verzeih mir, Verka, — Kirill setzte sich auf das Sofa, mitten zwischen die verstreuten Teile.
— Ich wusste nicht, dass sie so … so ein Miststück ist.
Ich dachte, wir passen einfach charakterlich nicht zusammen.
Und sie … ist gekommen, um dich auszurauben.
— Du wusstest wirklich nichts von der Schwangerschaft?
Oder ist das …
— Das ist eine Lüge, — unterbrach Kirill sie.
— Eine glatte Lüge.
Sie wusste, dass ich weich bin.
Sie dachte, wenn sie mit der Schwangerschaft Druck macht und dich auch noch einschüchtert, würden wir den Kopf verlieren und ihr die Schlüssel geben.
Sie war immer der Meinung, dass uns alles leicht in den Schoß gefallen ist.
Vera ging zu ihm und setzte sich daneben, den Kopf an seine Schulter gelehnt.
— Du bist aber auch nicht besser.
Warum hast du nicht gesagt, dass es bei euch so schlimm ist?
— Ich habe mich geschämt.
Ich bin doch ein Mann, ich sollte meine Probleme selbst lösen.
Und am Ende ist es … so gekommen.
— Na ja, — grinste Vera.
— Der Problemlöser.
Wenn ich sie nicht mit Wasser übergossen hätte, hättet ihr euch hier noch geprügelt.
— Du bist ja eine richtige Kämpferin, — Kirill lächelte schwach.
— Zweimal!
Das war … episch.
— Ich habe meine Wohnung verteidigt.
Und dich übrigens auch.
Später, als ihr Bruder in ein Hotel fuhr, um dort zu übernachten, weil er nichts sehen konnte, was ihn an seine Frau erinnerte, und seine Schwester nicht belasten wollte, räumte Vera die Scherben weg, wischte die Pfützen auf und lüftete das Zimmer.
Der Geruch von fremdem billigem Parfüm und Aggression verschwand zusammen mit dem herbstlichen Luftzug.
Sie nahm ihr Telefon.
Ihr Finger schwebte über dem Kontakt „Maksim“.
Es war elf Uhr abends.
Zu spät?
Vielleicht.
Aber plötzlich musste sie unbedingt die Stimme des Menschen hören, der ihr keinen Krieg, sondern Wärme angeboten hatte.
Es klingelte.
— Vera?
Ist etwas passiert? — Maksims Stimme klang besorgt, aber warm.
— Maksim, dein Vorschlag wegen Freitag …
Gilt er noch?
— Natürlich.
— Können wir nicht bis Freitag warten?
Können wir … einfach spazieren gehen?
Jetzt?
Ich muss wirklich einmal tief durchatmen.
Am anderen Ende herrschte eine Sekunde lang Stille, dann erklang ein leichtes, fröhliches Lachen.
— Ich bin in zwanzig Minuten da.
Zieh dich warm an.
Zur selben Zeit saß am anderen Ende der Stadt Svetlana in der engen Dreizimmerwohnung ihrer Mutter im fünften Stock in der Küche, in eine Decke gehüllt.
Sie trank heißen Tee, zitterte aber trotzdem.
Neben ihr saß ihre jüngere Schwester mit einem riesigen, echten Schwangerschaftsbauch im achten Monat.
— Also wirklich, Svetka, du machst Sachen, — sagte die Mutter kopfschüttelnd.
— Du bist also wieder da?
Und wo soll ich euch alle unterbringen?
Hier ist der Schwiegersohn, Lenka bekommt bald ihr Kind, das Baby wird schreien …
Svetlana starrte ins Leere.
Sie dachte darüber nach, dass Vera ihr vielleicht geholfen hätte, wenn da nicht ihre Gier und diese dumme Lüge von der Schwangerschaft gewesen wären.
Kirill hätte ihr für die erste Zeit eine Einzimmerwohnung gemietet, er war ein guter Mensch.
Vera hätte ihr vielleicht sogar Geld geliehen.
Aber sie hatte alles und sofort gewollt.
Und jetzt hatte sie nichts mehr außer nasser Kleidung und einem Bett in einem Durchgangszimmer, in dem es nach gebratenem Fisch roch.
Die negative Heldin war nicht von einem Gericht bestraft worden, sondern von ihrer eigenen Dummheit, und diese Strafe war die schmerzhafteste.
Hasserfüllt sah sie auf den Bauch ihrer Schwester.
Dort war Leben.
In Svetlana selbst aber waren nur Leere und kaltes Wasser, das ihre Seele nun scheinbar für immer ausgefüllt hatte.
Vera trat aus dem Hauseingang.
Die Luft war klar und angenehm.
Ein Auto fuhr vor, und die Scheinwerfer beleuchteten ihre Gestalt.
Maksim stieg aus und kam ihr lächelnd entgegen.
Vera ging auf ihn zu und spürte zum ersten Mal seit vielen Jahren, dass ihre Festung keine so hohen Mauern mehr brauchte.
Die Beschützerin in ihr hatte ihre Aufgabe erfüllt und konnte sich nun zur Ruhe setzen, um einfach der Frau in ihr Platz zu machen.